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"Unser Gehirn wächst mit seinen Aufgaben" - Interview mit Neuroathletik Trainer Thomas Höing

Hallo Thomas! Danke, dass Du Dir die Zeit nimmst, uns einige Fragen zu Deinem Herzensthema, der Neuroathletik zu beantworten. Steigen wir gleich ein. Wenn Du einem Kind erklären müsstest, was Neuroathletik Training ist, wie würdest Du das formulieren?

Hallo Claudia, erstmal vielen Dank für Deine Einladung.

Ja du hast Recht, das Thema Neuro-Athletik-Training liegt mir wirklich sehr am Herzen. Deshalb  bin ich sehr dankbar, unserer Community heute diesen gehirnorientierten Trainings-Ansatz vorstellen zu dürfen. Um deine Eingangsfrage zu beantworten.

Ich fand es für mich am Anfang „kinderleicht“, unser Gehirn als einen Dirigenten zu verstehen. Der Dirigent hat ein großes Orchester mit vielen Instrumenten vor sich. Er hat die Aufgabe, sein Orchester so zu dirigieren, dass alle Instrumente zur richtigen Zeit die richtigen Töne in der richtigen Lautstärke spielen. Gelingt ihm das optimal, spielt alles im gleichen Takt und Rhythmus zusammen und wir hören eine wunderschöne Musik. Dieser gemeinsame „Flow“ aller Instrumente als große Einheit ist das Ziel.

Für unser Gehirn sind diese Instrumente wichtige Körperteile und Systeme wie zum Beispiel die Augen oder das Gleichgewichtssystem im Innenohr. Organe wie die Haut, das Herz oder die Leber gehören natürlich auch dazu. Das Wichtigste ist, dass Dein Gehirn Deinen Körper vor und während einer Bewegung gut fühlen kann und immer weiß, was in ihm und um ihn herum passiert. Ist das der Fall, sind Deine Bewegungen zum Beispiel kraftvoller, schneller und geschmeidiger.

Neuro-Athletik-Training hilft Dir die einzelnen „Instrumente Deines Gehirns“ zunächst für sich allein genau zu stimmen. Im Anschluss werden sie durch Transfer-Übungen wieder optimal für deinen Sport mit den anderen in Einklang gebracht. Ein gutes Beispiel dafür ist die Verbesserung der visuellen Fähigkeiten. Wir können die visuelle Wahrnehmung, also das „Scannen des Spielfeldes“, gezielt über die neuronalen Verbindungen der Augen mit Bereichen des Gleichgewichtssystems verbessern. Wir holen uns über diesen Weg von unserem Nervensystem quasi die Erlaubnis ein, unseren Kopf schneller und häufiger drehen zu dürfen. Denn Sicherheit geht gerade im Sport immer vor Leistung. Das Ergebnis ist eine höhere „Scanfrequenz“, die zu besserer Übersicht und mehr Kontrolle auf dem Spielfeld führt.

Übungen Neuroathletik Training

Bisher hat man das NAT hauptsächlich im Leistungssport gesehen, z.B. bei den Leichtathleten oder Fußballern. Du hast es Dir zur Aufgabe gemacht, das Thema u.a. auch in das betriebliche Gesundheitsmanagement einzubringen. Warum ist das wichtig? Vielleicht kannst Du das an einem Beispiel erklären?

Das ist wichtig, weil unser Gehirn mit seinen Aufgaben wächst. Es spezialisiert sich aus ökonomischen Gründen auf den primären Bedarf und wird so in regelmäßig wiederkehrenden Aufgaben immer leistungsfähiger. Das kann man sich mit einem 50.000 Jahre alten Gehirn im Jahr 2026 im positiven Sinn zunutze machen. Denn gemäß dem Prinzip „use it or lose it“ kann diese Ökonomie auch sehr schnell in die falsche Richtung gehen. Es kann, wie es uns die BGM-Praxis zeigt, sogar so weit gehen, dass uns heute alltägliche Tätigkeiten und moderne Berufsbilder absolut nicht guttun. Gewisse Belastungsbeschwerden sind also evolutionär und per Definition der beanspruchten Systeme, absolut vorprogrammiert.

Ein sehr gutes Beispiel dafür ist tägliche Bildschirmarbeit im Büro und was sie für unser visuelles System und am Ende für unseren Organismus bedeutet. Fixieren wir etwas in etwa einer Armlänge Entfernung, müssen sich die Augen für ein scharfes Bild zur Mitte hin zusammenziehen. Man spricht hier von der Fähigkeit der Konvergenz. Sie ist sehr komplex und über längere Zeit ohne Pausen anstrengend für unser Gehirn. In der visuellen Hierarchie steht sie nicht umsonst auf Stufe 11 von 12. Hinzu kommt, dass der periphere Raum bei der Erfüllung meiner Aufgaben nicht mehr so „wichtig“ ist und sich deshalb aus ökonomischen Gründen auch das periphere Blickfeld verkleinert.

Die Folge: Das Gehirn weiß auf unterbewusster Ebene, dass es seiner primären Aufgabe - dem „Überleben“ beziehungsweise dem Scannen der Umwelt auf potenzielle Gefahren - nicht mehr so gut nachkommen kann. So steigt der Stresslevel während der Arbeit nach und nach an.

Ich habe mir daher gedacht: Thomas, wie kannst du das, was du speziell bei Lars Lienhard in der NAT-Ausbildung und zusätzlich von Sarah & Linus in den Cranialetics Seminaren über das Gehirn und sein Nervensystem gelernt hast, kurzweilig, praxistauglich und einfach anwendbar machen. Sprich wie kann ich das Wissen in Bezug auf Spitzensport und die Betreuung von Elite-Athleten in Kombination mit neurozentrierten Strategien aus der Physio-Therapie in gesundheitsorientierte Arbeitswelten im Bereich New Work integrieren? Das Ergebnis ist mein Neuro-BGM-Portfolio für Unternehmen.

Der nächste Schritt ist dann der Transfer ins Personal Training wie bei uns in der Lounge. Mit welchen Beschwerden sind Klienten bei Dir richtig? Kannst Du uns vielleicht 3 Beispiele nennen, wo das im PT eine sinnvolle Ergänzung sein kann und warum?

Klienten sind bei mir zum Beispiel dann richtig, wenn eines oder mehrere der folgenden Themen eine Rolle spielen:

  • Themen mit Stressbezug wie tägliche Verspannungen beziehungsweise Belastungsbeschwerden im Kopf-, Schulter- und Nackenbereich sowie allgemeine körperliche Beschwerden und Themen wie Bluthochdruck und Ausdauerfähigkeit

  • visuelle Probleme in Verbindung mit Körperwahrnehmung und Bewegungsqualität, zum Beispiel Schwindel beim Aufstehen, ein schlechtes Balancegefühl, fehlende Bewegungssicherheit und Angst vor Verletzungen

  • häufige Tollpatschigkeit, etwa in Form von „Sachen fallen lassen“ oder mit Kopf beziehungsweise Körper irgendwo anzustoßen

  • das Gefühl, eine Blockade zu haben, nicht mehr das Maximum an Leistungsfähigkeit abrufen zu können und nach Belastungen einen ungewöhnlich hohen Bedarf an Ruhe und Erholung zu haben

Im Personal Training kann NAT hier eine sehr sinnvolle Ergänzung sein, weil wir nicht nur auf Muskeln und Bewegungsmuster schauen, sondern auch darauf, wie gut das Gehirn die dazugehörigen Informationen verarbeitet und mit welchen neurologischen Rahmenbedingungen wir uns aktuell bewegen. Jedes Nervensystem hat sein individuelles Profil. In einem NAT 1:1 Coaching haben wir die Möglichkeit durch gezielte Tests herauszufinden, welche sensorischen Informationen diesem Nervensystem fehlen bzw. welche Systeme aktiviert oder entspannt werden müssen, um ein bestimmtes Ziel im Personal Training oder Wettkampf zu erreichen.

Für mich machen drei Gründe Neuro-Athletik-Training so einzigartig und empfehlenswert für unsere Community:

  1. Der Grad an Individualität der Lösungen

  2. Wie gezielt und schnell wir Probleme lösen

  3. Wie strukturiert wir uns Ziele erarbeiten können, wenn wir uns an neurologischen Prinzipen und Hierarchien orientieren

Gehirn Neuroathletik Training

 

Lass uns nochmal kurz das Gehirn, die Schaltzentrale, anschauen. Was bringt das Gehirn dazu, langsamer oder unsicherer zu arbeiten? Und wie merke ich das dann vielleicht im Alltag?

Alles, was dazu führt, dass unser Gehirn nicht mehr klar prognostizieren kann, wie der Ausgang einer Situation sein wird, führt automatisch zu einem Anstieg der neuronalen Bedrohung für unseren Organismus. Das können beispielsweise schlechte sensorische Kartierungen des Körpers im Gehirn sein, ein Thema mit dem Gleichgewichtssystem, nicht so gut ausgeprägte Reflexe, eine Dysbalance im visuellen System oder sogar ein eingeschränkter Geruchssinn nach einem Infekt.

Das Gehirn arbeitet hier sehr konservativ: „Not predictable, no power, that’s it!“

Die Folge ist, dass unser Gehirn sofort Leistung in Form von Kraft, Speed und Ausdauer reduziert. Außerdem lässt die Konzentration schneller nach und wir fühlen uns zunehmend unwohler und unsicherer in unserem Körper. Das kann bis hin zu Angst, Stressreaktionen und Erschöpfungszuständen führen. Speziell im Bereich der Long-Covid-Reha bewähren sich neurozentrierte Strategien beispielsweise sehr und helfen vielen Betroffenen auf dem Weg zurück zu voller Leistungsfähigkeit und Lebensfreude.

Hast Du ein paar einfache Tipps für uns, die sich leicht umsetzten lassen, um unser Gehirn aktiv zu halten?

Einfach und super effektiv für die Entspannung des gesamten Systems ist das sogenannte Palmieren der Augen. Zuvor bitte die Beweglichkeit des Kopfes sowie das Spannungsgefühl der Schulter- und Nackenmuskulatur in alle Richtungen testen.

Palmieren bei Stress und angestrengten Augen

 

1. Wir bilden zwei hohle Hände - das bedeutet, wir beugen die Finger leicht und bilden dadurch

in den Handflächen eine kleine Kuhle.

2. Wir legen anschließend die Hände gekreuzt über die Augen und verdunkeln sie komplett.

3. In den ersten Sekunden können noch kleinere weiße Punkte herumschwirren, die mit

zunehmender Dauer immer weniger werden, bis alles dunkel ist. Das passiert in der Regel

nach etwa 60-90 Sekunden.

Als Zweites eine ebenso effektive, für manche zu Beginn aber etwas komisch anmutende Übung: das Kombinieren von Summen und Zungenkreisen für 90-120 Sekunden. Die Zunge ist ein neurologisches Powerhouse und ein toller Weg, für Entspannung und gleichzeitig Stabilität im System zu sorgen.

  1.  Wir bringen den Kopf zunächst in eine optimale Lotposition, also Ohren und Schultern auf

eine Linie.

  1. Dann zwei Finger zur leichten Fixierung des Kiefers an die Kinnspitze.

  2. Wir beginnen zu summen und starten gleichzeitig mit sauberen Zungenkreisen. Als Anfänger gerne alle zehn Sekunden die Richtung wechseln.

Am Ende bitte noch einmal die Beweglichkeit sowie das Spannungsgefühl der Augen- und Nackenmuskulatur testen. In der Regel stellt sich sofort eine Verbesserung und mehr Beweglichkeit bei Rotationen des Kopfes ein. Zudem reduziert sich automatisch die Spannung im Nacken und Kiefer als positiver Nebeneffekt.

Vielen Dank Thomas, für die zahlreichen Tipps und Infos zur Neuroathletik. Wenn sich jemand für Neuroathletik Training interessiert, wo kann man Dich finden?

Man findet mich unter meiner Webseite T - HEALTH SOLUTIONS (www.t-health-solutions.de) und auf meinem Instagram Account t_health_solutions.de


ÜBER DEN AUTOR

Autor

Claudia Baldauf

Claudia Baldauf ist Expertin für Gesundheitspsychologie, Prävention und Mikronährstoffe. Als passionierte Schreiberin gibt sie in unserem Blog Einblicke in die Welt der Bewegung, Ernährung und gesunder Lebensweise. Claudia ist verheiratet, hat 2 Teenager Söhne, einen Labrador-Sennenhundmischling und ist seit 10 Jahren engagierte  #soccermom.